Cher Monsieur,
wenn ich nicht eine Pleurodynie gehabt hätte,
wäre ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen alles zu wünschen, was Sie begehren und
was ich selbst auch so brennend begehre. Ich bin jetzt wieder gesund und werde
demnächst nach Versailles kommen, um mich zu entschuldigen, falls Sie dem
zustimmen wollen; doch noch nicht morgen, da Colonne etwas aus dem Parsifal spielt,
den ich noch niemals gehört habe, etwas aus der Szene mit den Blumen-Mädchen,
die ein anderer Meister für mich so kostbar
gemacht hat. Ich danke Ihnen unendlich, dass Sie an mich für diesen
Vortragsabend gedacht haben. Ich denke viel
darüber nach und glaube, dass er von großem historischem Interesse sein wird,
hinsichtlich der Geschichte Ihres geistigen Lebens ebenso wie hinsichtlich
derjenigen der Kritik poetischer Werke in Frankreich – und ganz speziell der
mündlichen Kritik. Was sein Interesse an sich angeht, so wird er für mich umso
erhebender sein, als die »allmächtigen Akkorde« Ihrer Stimme und Ihres Tonfalls
für mich eine wahrhaft magische Qualität aufweisen (ich würde schlicht
»musikalisch« sagen in der Absicht, damit unendlich viel zu sagen, wenn dieses
Adjektiv nicht schon längst seine Bedeutung verloren hätte durch die Anwendung
auf die banale Stimme so vieler vermeintlicher Circes, die sie nun allerdings
»in Tiere verwandelt« haben). Falls ich die Ehre haben sollte, Sie zu sehen, so
würde ich – denn Sie dürfen keinesfalls der letzte sein, der es erfährt – Ihnen
gestehen müssen, dass ich einen kleinen Artikel über Sie geschrieben habe. Er
befindet sich zur Zeit in den Händen von Monsieur Ganderax, dem Gründer
der Revue de Paris, den der Start seiner Revue derart in Anspruch nimmt,
dass er noch nicht die Zeit finden konnte, ihn zu lesen und zu sagen, wo er
erscheinen könnte. Ich sage nicht mehr, damit noch
eine Überraschung für Sie bleibt. Vom rein Äußerlichen her wissen Sie über mich
nicht mehr als eine Neigung zum guten Essen, ich hoffe jedoch, dass Sie durch
diese andere Weise der Bekanntschaft, wie die Lektüre sie vermittelt, entdecken
werden, dass mir, wenn nicht ein tiefgreifendes Verständnis, so doch zumindest
eine aufrichtige Bewunderung der schönen Dinge innewohnt. In dieser Hoffnung
bitte ich Sie, zusammen mit meinen besten Wünschen für Ihren Erfolg am
Mittwoch, die hochachtungsvollen Beteuerungen meiner tiefsten Ergebenheit
entgegenzunehmen.
Marcel Proust.
Die herzlichsten Grüße an den köstlichen Autor der Chasse au perroquet dessen Wesen so viel lebendige Anmut und Schnörkellosigkeit aufweist.
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